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Verdrehte Welt


 

Ich möchte noch einmal auf den Begriff ‚Freiheit' zurückkommen, den ich bereits im Kapitel "Friedhof der Märzgefallenen" angesprochen habe. Vor einiger Zeit stieß ich auf ein Youtube Video mit John Trudell. Ich war fasziniert von der tiefen Weisheit, die er in sich trug, insbesondere was den Begriff ‚Freiheit' anging.

Später las ich mehr über ihn und fand heraus, dass er, indianischer Abstammung, in seinen jüngeren Jahren als aktiver Freiheitskämpfer unterwegs war und sich mit der amerikanischen Regierung kämpferisch auseinander gesetzt hatte. Dieser kämpferische Freiheitsdrang währte solange, bis seine Familie bei einem durch Brandstiftung verursachten Hausbrand ums Leben kam.

Danach veränderte sich John Trudell, verständlicherweise. Aus dem jugendlichen Freiheitskämpfer wurde in späteren Jahren der besonnene Künstler, der sich über Gedichte und Vorträge ausdrückt.

In einem seiner Interviews sagte er über Freiheit: Der Gebrauch des Wortes Freiheit, stellt in sich einen Widerspruch dar. John Trudell betont, es gehe um Verantwortung, nicht um Freiheit und nur in der Übernahme der Verantwortung für sich selbst kann Freiheit erfahren werden. Freiheit kann jedoch für sich nicht gelebt werden, da sie sich durch den Sprachgebrauch selber neutralisiert.

Aus meinem Verständnis heraus ist es so, dass es keine ultimative Freiheit gibt, sondern immer nur Situationen, aus denen man sich befreien kann.

Ich nahm vor einiger Zeit an einer geführten Meditation teil, in der die Frage gestellt wurde, was uns daran hindert, frei zu sein und in meinem meditativen Zustand bekam ich als Antwort ‚das Leben'. Ich erschrak zunächst, weil ich im ersten Moment glaubte, der einzige Weg in die Freiheit sei dann also der Tod. Ich fühlte eine unterschwellige Angst, Freiheit nun während meiner Lebenszeit niemals erreichen zu können, obwohl es doch eines meiner höchsten Ziele war.

In der gleichen Meditation wurde ebenfalls die Frage gestellt, was denn nun Freiheit ermöglicht und meine Antwort lautete, ‚Eins sein'. Offensichtlich war es also ein Trugschluss, zu glauben, Freiheit läge in der Losgelöstheit von allem. Erst, wenn ich mit allem verbunden bin, ist dort nichts mehr, was mir das Gefühl von Unfreiheit geben kann, denn ich bin ja das andere, ich bin ja alles, ich bin Eins.

Irgendwas mit dem Begriff Freiheit ist also verdreht. Wenn ich nicht genau weiß, was ein Begriff bedeutet, dann hilft es mir, die Umkehrung anzuschauen. Wenn das Gefühl von Unfreiheit in mir aufkommt, dann lasse ich es zu, lasse es größer werden und nehme es voll und ganz wahr.

Dadurch heiße ich das Gefühl willkommen und nehme es an. Oft ist es so, dass ein Gefühl einfach nur wahrgenommen werden will. Wenn dies voll und ganz geschehen ist, dann verabschiedet es sich wieder, oder löst sich gar vollkommen auf. Natürlich kann es sein, dass wir in unserem Leben trotzdem noch Veränderungen vornehmen müssen, um uns zu befreien, aber zunächst geht es um die Wahrnehmung des Gefühls der Unfreiheit.

Durch diese Technik stellt sich eine gewisse Zufriedenheit ein. Da ist dann keine Sehnsucht mehr nach etwas, was wir gar nicht kennen. Dann ist da kein Wunsch, für die Freiheit zu kämpfen, oder gar in Kauf zu nehmen, dafür zu sterben.

Ich kann mich auch immer nur aus der Situation befreien, die mir gerade das Gefühl von Unfreiheit gibt. Eine ultimative Freiheit existiert in dem Sinne nicht bzw. solange nicht, wie wir getrennt sind. Daher verstehe ich es so, dass in unserem Sprachgebrauch der Begriff Freiheit insofern als Manipulation verwendet wird, als dass wir angehalten werden, uns danach zu sehnen, ein hohes Gut anzustreben, was wir aber in dieser Form gar nicht erreichen können.

Freiheit ist nicht, sich von allem loszulösen, sich von allen Bindungen zu trennen, völlig auf sich allein gestellt zu sein. Freiheit entsteht aus dem Bewusstsein, mit allem verbunden zu sein.

 

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